
2026-04-03 | Botschaft
Liebe Christinnen und Christen,
zum Osterfest übermitteln wir Ihnen, Ihren Familien, Gemeinden und allen Kirchen in unserem Land herzliche Grüße und Segenswünsche. Ostern erinnert die christlichen Gläubigen an die Auferstehung Jesu und an die Kraft der Hoffnung: dass das Leben nicht im Dunkel endet, sondern dass Gott Wege eröffnet – selbst dort, wo Menschen an ihre Grenzen stoßen.
Für Muslime hat Jesus – ʿĪsā ibn Maryam, Friede sei mit ihm – einen hohen Rang als Gesandter Gottes, als einer der wenigen Propheten, die die Botschaft Gottes in Form einer Offenbarungsschrift empfangen haben. Ehrfurcht vor Gott, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und die Hinwendung zu den Schwachen gehören zu den moralischen Grundprinzipien, die unsere Religionen in besonderer Weise verbinden. Gerade deshalb verstehen wir als Gläubige Festtage nicht nur als Momente privater Freude oder des Gedenkens, sondern als Gelegenheit, gemeinsame Werte im Alltag sichtbar werden zu lassen: Mitgefühl, Versöhnung, Verlässlichkeit und Verantwortung füreinander.
Besonders bedeutsam ist in diesem Jahr, dass der Beginn der christlichen Fastenzeit und der Beginn des Ramadans zeitlich eng zusammenfielen. Die christliche Fastenzeit begann am 18. Februar 2026, und auch der Ramadan begann am 19. Februar 2026. Diese Nähe verdeutlicht in besonderer Weise: Fasten ist in beiden Religionen eine Schule der Achtsamkeit, der Selbstreflexion und der Solidarität. Wer freiwillig verzichtet, lernt neu, was wesentlich ist – und erkennt leichter, was andere täglich entbehren müssen. So kann gemeinsames Fasten – auch nebeneinander – zu einem verbindenden Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung werden: füreinander da zu sein, die Einsamen nicht zu übersehen, die Bedürftigen nicht zu vergessen und das Herz für den Frieden zu öffnen.
Gleichzeitig erleben wir eine Welt, in der viele Menschen durch Kriege, Angst und Unsicherheit erschöpft sind und Leid erfahren. Auch die Spannungen im Nahen und Mittleren Osten beschäftigen uns seit über zwei Jahren – als Menschen und als Gläubige, auch und gerade in Deutschland. Wenn Gewalt, Vertreibung und Gegengewalt die Hoffnung zu überdecken drohen, ist es umso wichtiger, dass wir uns auf das besinnen, was das Zusammenleben trägt: die Würde eines jeden Menschen, den Schutz des Lebens sowie die Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
In diesem Kontext verfolgen wir die Entwicklungen in der Region, insbesondere die zeitweilige Einschränkung des Zugangs zu bedeutenden heiligen Stätten wie der Grabeskirche und der Al-Aqsa-Moschee, mit großer Sorge. Dass Gläubigen der Zutritt zu ihren Gebetsstätten verwehrt bleibt, erfüllt uns mit Bedauern. Die Ausübung der Religion ist ein grundlegendes Menschenrecht und sollte unter keinen Umständen eingeschränkt werden.
In diesen Zeiten werden wir zudem Zeugen, wie grundlegende Normen zivilisierten Zusammenlebens ins Wanken geraten. Wenn einzelne Staaten oder Machthaber glauben, stark genug zu sein, Regeln brechen zu dürfen, droht Willkür an die Stelle von Werten und Vereinbarungen zu treten – und das Vertrauen in Verlässlichkeit, Recht und Verantwortung wird beschädigt.
Gerade jetzt dürfen Religionen nicht zu Stimmen der Spaltung werden. Entsprechend dem koranischen Gebot: „Seid standhaft für Gott und legt Zeugnis ab in Gerechtigkeit. Und der Hass auf andere soll euch nicht dazu verleiten, ungerecht zu sein. Seid gerecht – das steht der Gottesfurcht näher“ (Koran 5:8), sind wir verpflichtet, aus unserer innersten Überzeugung heraus für Werte und Verbindlichkeit einzutreten: für Wahrheit statt Propaganda, für Mitgefühl statt Entmenschlichung, für Grenzen der Gewalt und für den Schutz von Zivilisten, Kindern und besonders Schutzbedürftigen. Um es mit den Worten von Franz von Assisi, einem Vordenker des Dialogs, zu sagen: „Wo Hass ist, lass mich Liebe säen; wo Unrecht ist, Vergebung.“
Auch in Deutschland gilt: Interreligiöse Solidarität ist kein Symbol, sondern eine Aufgabe. Wo Rassismus, Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus zunehmen, braucht es eine klare gemeinsame Sprache und konkrete Begegnung. DITIB versteht Dialog und Toleranz nicht als Nebensache, sondern als wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden.
Wir hoffen, dass das Osterfest über den festlichen Rahmen hinaus gesellschaftlich zur Verbindung und Versöhnung beiträgt. Möge Gott uns als Gesellschaft die Kraft schenken, nicht nachzulassen im Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit und ein Miteinander, das von Respekt und Barmherzigkeit getragen ist.
Frohe und gesegnete Ostern
DITIB Bundesverband