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2026-06-16 | Botschaft

Botschaft zum islamischen Neujahr (Hidschra) und Monat Muharram

Es gibt große Reisen, die die Geschichte der Menschheit verändern, die den Epochen und Geografien eine neue Richtung geben. Diese Reisen verwandeln nicht nur Entfernungen, sondern auch Herzen und Gedanken. An erster Stelle dieser Reisen steht jene gesegnete Hidschra (Auswanderung), die unser Prophet Muhammad (Friede und Segen seien auf Ihm) und Seine Gefährten von Mekka nach Medina vollzogen.

Die Hidschra ist nicht einfach nur die Auswanderung aus einer Region in eine andere. Sie ist Ausdruck eines bezeugenden Schrittes, der von der Unterdrückung zur Gerechtigkeit führt. Die Hidschra ist der edelste Ausdruck des Aufbruchs zur Wahrheit, ein beharrliches Eintreten für das Richtige, auch wenn es Opferbereitschaft fordert.    

Verehrte Geschwister,
Wenn der Monat Muharram kommt, werden drei grundlegende Wahrheiten, die tiefe Spuren in unserem Bewusstsein für  Glaube und  Geschichte hinterlassen haben, in unserem Geist lebendig:

Erstens; die Ehrfurcht vor dem Lebendigen und der Schöpfung. Denn der Monat Muharram ist einer der vier heiligen Monate, deren Grenzen unser Herr mit Seinem Wort abgesteckt hat1 und auf die unser Prophet (s.a.s.) besonders hinwies(2). Ein heiliger Monat bedeutet die Verkündung von Frieden, Wohlergehen und Unantastbarkeit. Diese gesegnete Zeit gebietet uns, niemals zu schaden – vor allem dem Menschen als dem ehrenhaftesten Geschöpf, aber auch den Tieren, der Natur und Umwelt – und ihnen vielmehr mit tiefer Zuneigung und Respekt zu begegnen. Es ist die schönste Wiederspiegelung des Geistes der Hidschra in unsere Zeit, die Ethik zu verinnerlichen, die Schöpfung um des Schöpfers willen zu lieben, und eine Ursache für Barmherzigkeit und Sicherheit für unsere Umfeld zu sein.

Zweitens;  das muslimische Selbstvertrauen und das Identitätsbewusstsein. Der Monat Muharram ist der Beginn des Hidschra-Kalenders, mit dem die islamische Gesellschaft die Zeit mit ihren eigenen Werten geprägt hat. Dass während der Amtszeit von Hz. Omar (r.a.) durch die Beratung der Gläubigen die Hidschra als Beginn des Kalenders gewählt wurde, ist mehr als eine bloße Zeitmessung. Die Annahme eines eigenständigen, den Muslimen gehörenden Kalenders ist das deutlichste Zeichen, das das Geschichtsbewusstsein und das unerschütterliche Selbstvertrauen der islamischen Gemeinschaft offenbart.

Drittens; der Segen von Aschura und das Erwachen von Karbala. Der zehnte Tag des Monats Muharrem ist der Tag von Aschura, der unsere Herzen vereint. Das Aschura-Gericht, bei dem verschiedene Aromen in einem einzigen Topf in wunderbarem Einklang zusammenkommen, ist das lebendigste Sinnbild dafür, dass wir trotz all’ unserer Unterschiede bei gemeinsamen Werten zusammenfinden und das Leben teilen können. Der Monat Muharram ist auch die Jahreszeit, über das ehrenvolle Vermächtnis nachzudenken, das Hz. Hussain in Karbala hinterlassen hat. Karbala ist nicht nur eine blutende Wunde der islamischen Geschichte, sondern auch eine Schule der hussainitischen Haltung, die keineswegs von Gerechtigkeit und Wahrheit abweicht. Karbala heute richtig zu lesen, bedeutet nicht, aus den Schmerzen der Vergangenheit neue Spaltungen zu erzeugen, sondern, indem man die Ethik der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Einheit verinnerlicht, für die Hz. Hussain sein Leben geopfert hat, vereint gegen Ungerechtigkeit zu sein.

Die größte Verantwortung, die uns heute obliegt, ist es, die universelle Botschaft der Hidschra und das gewaltige Selbstvertrauen, das sie uns verliehen hat, in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen. Unser geliebter Prophet (s.a.s.) hat uns die wahre Bedeutung der Hidschra klar und deutlich offenbart, indem er sagte: „Der wahre Muhacir (Auswanderer) ist derjenige, der sich von dem fernhält, was Allah verboten hat, und es unterlässt.“(3) Nach diesem prophetischen Maßstab ist die Hidschra: Das Falsche aufzugeben und sich dem Richtigen zuzuwenden, die Finsternis der Sünde zu verlassen und dem Licht der Belohnung entgegenzugehen. Vom Bösen Abstand zu nehmen und das Gute zu mehren, die Unwissenheit hinter sich zu lassen und durch Wissen neues Leben zu gewinnen. Hass, Feindseligkeit und Egoismus hinter uns zu lassen und einen gesegneten Schritt in Richtung Liebe, Frieden und Aufopferung zu tun.

Verehrte Geschwister,
für uns, die wir in Deutschland leben, ist die Hidschra kein Ereignis, das nur in den Seiten der Geschichte verblieben ist. Sie ist eine Wahrheit, die wir unmittelbar in unserer Brust tragen und durch unser Leben verwirklichen. Wir alle sind in gewisser Weise die Reisenden, die Kinder der Hidschra. Auf dieser langen Reise, die unsere Großmütter und -väter der ersten Generation begannen, haben wir uns alle Fleiß und redliche Arbeit zum höchsten Ziel gemacht, und gemeinsam haben wir uns vielen Schwierigkeiten gestellt. Aus diesem Grund bewahren wir den Geist der Hidschra nicht nur im Gedenken an die Vergangenheit lebendig, sondern in jedem Augenblick, in dem wir hier auf diesem Boden atmen, schaffen und existieren.

Mit genau diesem Bewusstsein – Kommt, lasst uns aus Anlass dieses neuen Hidschra-Jahres gemeinsam in unserer eigenen inneren Welt eine gesegnete Hidschra beginnen. Lasst uns unsere Verstimmungen und Kränkungen hinter uns lassen und zu einer unerschütterlichen Geschwisterlichkeit auswandern. Lasst uns Trägheit aufgeben und zu Fleiß finden, uns aus der Nachlässigkeit befreien und zur Verantwortung bekennen, die Kühle der krausen Stirn verlassen und die Wärme des lächelnden Gesichts aufsuchen – das ist der Geist der Hidschra, den wir heute leben sollen. Den Kriegen und Konflikten auf dieser Erde zum Trotz, lasst uns gemeinsam auswandern: hin zu Ruhe, Wohlergehen und Frieden.

Mit diesen Gefühlen und Gedanken bitte ich darum, dass unser neues Hidschra-Jahr 1448, das wir am heutigen Dienstag, den 16. Juni, betreten, für die gesamte islamische Welt und die Menschheit ein Jahr der Rechtleitung sein möge, in dem Frieden, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit herrschen.

 

Ramazan ILIKKAN
Vorsitzender DITIB-Bundesverband

 

 


[1] Sure at-Tawba, 9/36.
[2] Buchari, Bed'ü'l-halk, 2.
[3] Ibn Hanbel, VI, 22.