Freitagspredigt

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Rassismus ist verflucht!
(12.06.2020)

 

Liebe Gemeinde!

Bilal Habeshi, einer der engsten Gefährten des Propheten und gleichzeitig sein Muezzin, war ein Sklave mit schwarzer Hautfarbe. Auch seine Mutter war eine Schwarze.

Eines Tages ereignete sich folgende Begebenheit zwischen ihm und Abu Dhar, einem weiteren Gefährten unseres Propheten: Die beiden waren sich in einem Gespräch uneinig und die Meinungsverschiedenheit dauerte an, bis Abu Dhar sagte, dass Bilal als Sohn einer schwarzen Frau nicht über das notwendige Wissen verfügen könne. Mit dieser verletzenden und beleidigenden Aussage hatte sich Abu Dhar die Hautfarbe seines Gegenübers zur Zielscheibe genommen.

Bilal, der über diese Aussage sehr verletzt war, suchte den Propheten auf und stellte ihm folgende Frage:
Oh Gesandter Allahs! Muss ich derartige Anschuldigungen bezüglich meiner Herkunft und Farbe noch immer auf mich nehmen, wo ich doch Muslim geworden bin?

Daraufhin rief der Prophet Abu Dhar zu sich und fragte ihn, ob er Bilal tatsächlich mit einer solch rassistischen Bemerkung konfrontiert habe. Abu Dhar war vor Scham nicht in der Lage zu antworten und so ermahnte ihn der Prophet folgendermaßen: „Das heißt also, dass du noch immer schlechte Angewohnheiten der vorislamischen Zeit in dir trägst. Wie kann ein Mensch aufgrund seiner Hautfarbe verurteilt werden? Sollte für uns nicht die Gottesfurcht entscheidend sein?“1

Abu Dhar suchte daraufhin, von Reue und Scham geplagt, geradewegs Bilal auf, senkte seinen Kopf an die Fußschwelle seiner Tür und sprach Folgendes:
Oh Bilal! Solange du nicht mit deinen edlen Füßen über meinen einfältigen Kopf trittst, werde ich nicht von deiner Tür weichen!

Doch Bilal half ihm, sich aufzurichten und antwortete:
Steh auf, mein Bruder. Dein Kopf ist es nicht wert, auf dem Boden zu liegen, wohl aber, geküsst zu werden. Ich verzeihe dir! Und so umarmten und vertrugen sie sich.

Liebe Geschwister!

Mit Bedauern müssen wir feststellen, dass in der heutigen Zeit noch immer Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihrer Religion systematischem Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt sind. Welche Auswirkungen dieser Rassismus psychisch wie physisch haben kann und dass er Ausmaße annehmen kann, die den Tod von Einzelpersonen oder ganzen Gruppen zu Folge haben können, sehen wir nicht zuletzt an den Vorkommnissen der letzten Tage und Wochen in Amerika. Angesichts der jüngsten Ereignisse möchten wir die Aufmerksamkeit in der heutigen Freitagspredigt auf den Rassismus vor allem gegenüber Schwarzen Menschen lenken.

Liebe Gemeinde!

Rassismus ist ein Gift. Dieses Gift bringt Hass, Ungerechtigkeit und Zerstörung mit sich. Rassismus verhindert ein friedliches Miteinander. Rassismus stellt sich gegen Gerechtigkeit und den Erhalt des Lebens und somit gegen die grundlegenden Kernaussagen des Islam. Denn der Islam positioniert sich eindeutig und vehement gegen Rassismus in jeder Form.2 Dazu sprach der Prophet (Frieden und Segen seien auf ihm) in seiner Abschlusspredigt, die eine universale Botschaft beinhaltet, die eindeutigsten Worte: „O ihr Menschen, euer Erhalter ist einer. Euer Vater ist auch einer. Weder steht der Araber über dem Nichtaraber oder der Nichtaraber über dem Araber, noch steht der Hellhäutige über dem Dunkelhäutigen oder der Dunkelhäutige über dem Hellhäutigen. Überlegenheit besteht allein in der Gottesachtsamkeit.“3

Kein Mensch sucht sich seine Hautfarbe oder seine Herkunft selbst aus. Es obliegt lediglich dem Willen Allahs wo ein Mensch geboren wird und welche Eigenschaften er trägt. Gegen diese Entscheidung Allahs mit Stolz und Überheblichkeit rassistisch vorzugehen ist ohne Zweifel ein teuflisches Verhalten. Der erste Rassist der Geschichte war der Iblīs (Teufel), als er die Niederwerfung vor Adam (Frieden sei auf ihm) verweigerte, weil dieser anders war als er selbst. Dazu steht im Koran: „Er (Allah) sprach: "Was hinderte dich daran, dich niederzuwerfen, nachdem Ich es dir befohlen habe?" Er (Iblis) sagte: " Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber erschufst Du aus Lehm!“4

Liebe Geschwister!

Der Prophet Muhammed (Friede uns Segen auf ihm) setzte sich sein Leben lang für die Gleichstellung aller Menschen ein und war mit seiner Botschaft ein Vorreiter für Ebenbürtigkeit.  So sprach er: „Wer rassistisch ist und für Rassismus einsteht, gehört nicht zu uns.“5

Die Würde des Menschen ist unantastbar und ihre Erhaltung ist, unabhängig von Ort und Zeit, ein Befehl unserer Religion und damit nicht nur unser aller Pflicht, sondern eine Verantwortung, die uns als Einzelner und als Gesellschaft betrifft.

Gegenüber den anhaltenden und leider aktuellen Entwicklungen überall auf der Welt müssen systematische Lösungen gefunden werden. Dabei ist es besonders wichtig, Betroffenen zuzuhören, rassistische Erlebnisse zu melden, das eigene Handeln zu überdenken und Lösungen mit zu entwickeln.

Mit der notwendigen Empathie gegenüber den Opfern positionieren wir uns als Muslime und lehren den einfühlsamen Charakter und Aufrichtigkeit unserer Religion. Der Islam unterscheidet nicht zwischen Menschen: Wir als Gläubige müssen Toleranz, Würde und Respekt nicht nur verstehen, sondern uns dafür einsetzen, dass diese bei uns selbst, in unseren Gemeinden und auf der ganzen Welt umgesetzt werden.

Zum Abschluss der Hutba bitten wir Allah unser Herz mit Seiner Barmherzigkeit zu erleuchten und jedes noch so kleines Anzeichen von Hochmut in uns zu beseitigen. Allah, hilf uns systematische Unterdrückung als Problem zu erkennen und Rassismus und Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Hilf uns den richtigen Weg, den uns der Prophet vorgelebt und erklärt hat, einzuschlagen und hilf uns denen zu helfen die Unterdrückung und Rassismus erfahren haben. Amin!

 

Die DITIB-Predigtkommission

 

1 Ahmed b. Hanbal, V, 158. 
2 Koran, Hudschurat, 49/13.                                                                                
3 Ahmed b. Hanbal, V, 411.              
4 Koran, al-A`raf, 7/112.
5 Abu Dawud, Adab, 111-112.

 

2020-06-12    


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